Alles hat seine Zeit

Alles hat seine Zeit – oder die Kunst, trotz allem gelassen zu sein

Das ist der Titel eines Seminars, das ich am letzten Wochenende besucht habe.
Schon die Seminarbeschreibung hatte mich angesprochen, denn es sollte um Stressbewältigung, Ruhezonen im Alltag und Zeit für sich selbst gehen und da ich mich ja im Moment in dieser beruflichen Veränderung befinde, wollte ich mir damit wirklich eine Zeit für mich selbst nehmen.

Es war schon ganz bezeichnend, dass ich genau am Anreisetag in stressige Situationen kam, denn ich hatte mir mal wieder so viel in diesen Vormittag gepackt, was ich vorher erledigen wollte, dass ich unweigerlich in Zeitnot kam. Ich hatte gearbeitet, die Winterreifen wechseln lassen, war Einkaufen gewesen und Geld zur Bank bringen. Tanken sollte auch noch sein, und meine, wenn auch wenigen, Reiseutensilien waren auch noch nicht verpackt – im Gegenteil, es mussten noch Hose und Shirt gebügelt werden und gegessen hatte ich auch noch nichts.

Als ich meine Freundin Sigrid abholte, hatte ich schon einige Schweißausbrüche hinter mir und war total genervt. Natürlich hatte ich was vergessen – meine Schilddrüsentabletten – aber nun musste es eben ohne gehen. Ich habe die ganze Fahrt gebraucht, um wieder einigermaßen runter zu fahren und dachte mir, dass ich nun genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.

Ich habe schon mehrere Seminare mit unterschiedlichen Themen dort besucht – Anreise ist immer Freitag zum Abendessen und so freute ich mich, nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte, auf das gemeinsame Abendessen. Mittlerweile war ich ganz ruhig und die ersten Gespräche mit den anwesenden Teilnehmern fingen zaghaft an.

Es hatten sich auch drei Männer angemeldet, und das war neu für mich. Bisher waren es immer reine Frauengruppen und auch eher Frauenthemen gewesen, aber ich freute mich, denn es ist ja spannend, auch mal in einer gemischten Gruppe zu arbeiten.

Der Abend diente dem ersten Kennen lernen, der Vorstellung des Seminarplans und einer Gedankenentspannung. Mich hat zuerst irritiert, dass gut ein Drittel der Frauen älter als 70 Jahre als war – ein Frau war sogar 93 Jahre alt. Wieso besuchen die ein Seminar, in dem es um Stressabbau, Zeit für mich und Entspannung geht? Ich hatte eher meine Altersgruppe oder jünger erwartet, aber das Seminar hat mich gelehrt, dass Alter oder alt sein nur in meiner Vorstellung so beängstigend wirkt und so bin ich dankbar, dass ich in dieser Runde dabei sein und einen veränderten Blick auf das ALTER werfen durfte.

Für mich sind diese Wochenenden immer wie ein kleiner Urlaub. Ich habe es genossen, frühzeitig aufzustehen, mich mit einer Gesichtsmaske und etwas Musik noch mal hinzulegen, nach der Morgentoilette meine Dankbarkeitsliste zu schreiben und dann frisch und entspannt zum Frühstücken zu gehen. Die Gespräche sind nun schon vertrauter, wir „kennen“ uns schon ein wenig und duzen uns alle. Damit haben die älteren Damen etwas Probleme, aber das liegt wohl einfach an dieser Generation. Mir hingegen fällt es oft schwer, gerade Menschen meines Alters zu siezen :o )

Der Tag beginnt mit einem Tanz, der erstaunlicherweise sehr schnell verstanden wird und harmonisch abläuft. Ich bin sonst eher jemand, der alleine und mit seinen eigenen Bewegungen tanzt, aber es hat mir Spaß gemacht und brachte eine gewisse Fröhlichkeit in die Gruppe.

Danach geht es dem Stress auf die Spur – und der Zufall – oder das Universum bringt mich mit zwei der drei Männer zusammen in eine Kleingruppe. Wir stellen fest, dass wir alle drei ähnliche Stressmuster haben, aber auch unter Stress am produktivsten sind.
Ich gerate immer in Stress, wenn ich zu einem bestimmten Termin fertig sein muss. Dabei habe ich eigentlich immer genügend Zeit, doch mit diesem Wissen arbeit ich nicht produktiv genug, weil ich ja viel Zeit habe. Dann plötzlich rückt der Termin immer näher – und dann komme ich in Bewegung – dann schaff ich plötzlich was, und ich werde doch pünktlich fertig. Wir haben gemeinsam herausgefunden, dass das wohl vor allem daran liegt, dass wir uns so schwer entscheiden können und dann, wenn der Termin fast da ist, eben nicht mehr lange hin- und her überlegen können und so zur Entscheidung „gezwungen“ werden.

Hm – wie deute ich das jetzt? Brauche ich nun diesen Stress? Und wie schaffe ich es, mich früher zu entscheiden? Das sind Punkte, die ich überdenken muss, denn ohne Entscheidungen zu treffen komme ich ja auch beruflich nicht weiter. War für mich eine gute Anregung, da weiter rüber nachzudenken.

Am Nachmittag zeichnen wir unseren Zeitkuchen – teilen unseren Tag oder unsere Woche auf in die verschiedenen Bereiche unseres Lebens, und ich stelle fest, dass ich – zumindest im Moment, eine sehr angenehme Zeiteinteilung habe. In meinem Tag finden sich immer wieder Zeiten auch für mich, zum lesen, Musik hören und für Bewegung. Ich habe mich kurz gefragt, ob ich vielleicht zu wenig arbeite, wenn ich solche Freiräume habe, aber ich nehme mir vor, diese Zeit zu genießen, wo es mit der Arbeit im Moment eher weniger ist und sie zu nutzen, an meinem Buch zu schreiben oder neue Ideen zu entwickeln. Ich vertraue darauf, dass sich auch das finanzielle Problem lösen wird.

Ein wunderschönes Erlebnis habe ich am letzten Tag, denn wir unternehmen einen Spaziergang in den wunderschönen Park. Wir genießen die Ruhe, den Herbstwind, die fallenden Blätter, wir beten zusammen und singen. Und während ich so den Blick über den See schweifen lasse, das gegenüberliegende Schloss in allen Einzelheiten wahrnehme, die Enten langsam in meine Richtung schwimmen und ein Blatt leise trudelnd herunter fällt, da entdecke ich für mich diesen

BLICK FÜR DAS WESENTLCHE

Ich habe es genau gespürt – das war er – dieses Erkennen, dem ich nun schon so lange auf der Spur bin. Während meines Veränderungsprojektes, über das ich nun bald mein Buch herausbringen werde, habe ich mich oft gefragt, wo er denn ist, dieser Blick für das Wesentliche, ob ich ihn überhaupt jemals finden würde…
Nun bin ich sicher – an diesem Sonntag im November habe ich ihn gefunden – in Hofgeismar – an diesem schönen Ort – in dieser netten Runde und doch ganz alleine für mich…

Die letzte gemeinsame Übung führt mich wieder mit einem der Männer zusammen. Wir sollen jeweils für 10 Minuten unsere Augen geschlossen halten und uns vom jeweils anderen führen lassen, die Natur erleben, nur mit unserem Tastsinn begreifen.
Ich selbst mache den Anfang, führe diesen zwei Köpfe größeren Mann zu verschiedenen Bäumen, lasse ihn die Rinde ertasten, die Blätter oder Nadeln fühlen und führe ihn sehr langsam und vorsichtig durch den Park. Ich bin erstaunt, wie viel er nur durch seinen Tastsinn erkennt und bin gespannt, wie ich auf diese Übung reagieren werde.

Ich bin überrascht, wie leicht es mir fällt, die Augen zu schließen und diesem mir ja eigentlichen fremden Mann das Vertrauen zu schenken, mich zu führen. Er ist weitaus weniger vorsichtig als ich, er geht mit mir sehr zügig, aber es ist mir nicht unangenehm, ich vertraue und bin dankbar für diese Erfahrung. Als er mich am Ende bittet, die Augen zu öffnen, stehe ich wieder am gleichen Platz, an dem ich den Blick für das Wesentliche hatte, und ich bin überwältigt und sehr sehr dankbar.

Was für ein Zeichen!

Was nehme ich also mit aus diesem Wochenende?
Was hat mich bewegt, was mir geholfen zu verstehen?

Ich habe es genossen, in dieser Gruppe zu sein, in der Menschen nicht unterschiedlicher sein könnten.
Da waren diese drei Männer, die mir erst leid taten in dieser Gruppe von starken Frauen, die aber wohl keine Probleme damit hatten.
Da waren diese beiden Freundinnen, die beide etwas unzufrieden wirkten und immer nur gemeinsam etwas unternahmen.
Da war diese Gruppe von älteren Damen – in ihrer Mitte die 93 jährige, deren Tochter vor ihr gestorben ist und deren Freundinnen sich nun um die Mutter kümmern. Die sie mitnehmen auf ein solches Seminar, die für sie und füreinander da sind und von denen jede eine traurige, aber dennoch motivierende Geschichte hat. Bis auf eine waren alle verwitwet, hatten schwere Zeiten hinter sich und beginnen nun, sich wieder auf sich selbst zu besinnen, aber trotzdem nicht alleine zu sein.

Diese Frauen haben uns „jüngeren“ gezeigt, dass das Leben nicht ab einem bestimmten Alter aufhört, dass es auch lebenswert ist, 70 oder 80 Jahre alt zu sein und der Ausblick auf das Alter nicht zwangsläufig negativ sein muss.

Sie haben uns auch gezeigt, was Freundschaft ist, was gegenseitiger Respekt ist, was Fürsorge ist – und dass das Leben zwar manchmal ganz schön herausfordernd sein kann, es aber nicht unlösbar ist. Sie haben vor allem mir gezeigt, wie stark wir Frauen sein können, welche Kraft und welcher Mut in uns steckt und dass das völlig alters unabhängig ist.

Ich bin wieder ein Stück gewachsen an diesem Wochenende, und ich bin dankbar für jedes Jahr, das ich älter werden DARF!

4 Kommentare zu „Alles hat seine Zeit…“

  • hallöchen liebe Strahlewolke :-)

    Ein toller Bericht über ein Seminar indem wirklich viel Bewegung war. Ich finde es immer wieder spannend wie unterschiedliche Menschen zusammen in einer Gruppe agieren. So wie nun beim “Selbstliebeseminar”.Da gehts von meinen Alter an aufwärts mit unterschiedlichen Motivationen, Einstellungen, Charakteren die immer mehr zu einer Einheit werden…

    mit diesem “siezen” (keine ahnung wie das geschrieben wird) hab ich auch meine Probleme besonders bei Leuten mit denen ich längere Zeitspannen zu tun hab…

    Freu mich für dich, dass dein we so erfolgreich war und bin sicher, dieser Schwung wird dich auch weiterbringen bei deinem Buchvorhaben :)

    Ich wünsch dir alles alles Liebe
    Babsi

  • ps: dein Blögchen wird auch immer harmonischer. Den Untertitel find ich guut :-) )

  • Sigrid Luckhardt-Breul:

    Liebe Irene,

    schön diese Zeilen von unserem Seminar zu lesen. Das ganze Wochenende kam in seiner ganzen Vielfalt nochmals bei mir an.

    Ich hoffe, wir haben noch viele solcher gemeinsamen Seminare.

    Gruß Sigrid

  • Regina Ibanek:

    Liebe Irene,
    danke für deine wunderschöne Beschreibung unseres Seminares. Das Lesen hat Spass gemacht und hat mich eintauchen lassen in die Atmosphäre. Viele Bilder und Gespräche sind mir wieder in den Sinn gekommen. Alles hat seine Zeit – heute am Freitagmorgen, jetzt im Advent. Vielleicht gelingt es mir, mit dem anregenden Text mich heute auf das “Wesentliche” zu konzentrieren.
    Ich wünsche eine schöne und besinnliche Adventszeit und binn gespannt auf das, was noch kommt
    Viele Grüße Regina

    PS “Nichts bringt uns auf unserem Weg besser voran, als eine Pause.” – das stand auf einer Karte von Elgin.

Hier schreibt

Irene Wolk - Architektin + Webdesignerin mit WordPress =Wordpress-Architektin!

außerdem Vorleserin von Geschichten, Leiterin von Video-Lernkursen und Autorin des Buches: "Bin ich jetzt schön?"

Kreativ, positiv denkend und dauerhaft lernfähig.


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