Der Schwache
kann nicht verzeihen.
Verzeihen
ist eine Eigenschaft
der Starken
Mahatma Gandhi
Ich habe erst eine Weile überlegt, ob ich dieses Thema heute schreiben möchte, aber ich denke, ich muss es tun, denn es brennt mir auf der Seele und so lasse ich es los.
Am Sonntag haben wir den Geburtstag meiner Mutter gefeiert. Es war eine nette Runde – alle waren bei uns, weil wir einfach mehr Platz haben. Meine Schwestern waren da mit den Kindern und es gab schöne Unterhaltungen am Kaffeetisch.
Irgendwann kam meinem Vater in Erinnerung, welch schlimme Kindheit er hatte. Als 4. von sechs Kindern fühlte er sich ein Leben lang als das schwarze Schaf der Familie. Er hatte vor allem große Probleme mit der Autorität und Behandlung durch seinen Vater.
Ich saß da und achte, warum dieser 81-Jährige Mann sein ganzes Leben diesen Groll auf seinen eigenen Vater mit sich rumschleppte. Warum war er nicht fähig, endlich seinen Frieden zu schließen, anstatt sich heute immer noch damit zu quälen?
Ich warf ein, ob es nicht Zeit für Vergebung sei, denn schließlich schade er sich doch eher selbst mit diesen Gefühlen. Keiner konnte mich verstehen! Alle meinten, so etwas könne man nicht vergessen und auch nicht verzeihen, selbst wenn derjenige schon lange tot sei.
Ich saß da – alleine mit meiner Meinung, von der ich jedoch immer noch mehr als überzeugt bin. Ich weiß schließlich, wovon ich spreche – habe ich doch auch erst vor kurzer Zeit meinen Frieden mit einigen sehr schweren Verletzungen aus meiner Vergangenheit gemacht.
Dieser Vorfall hat mir gezeigt, dass ich tatsächlich schon einen Schritt weiter bin. Dass sich für mich schon etwas verändert hat und dass mir auffällt, dass ich „anders“ bin.
Bestätigt hat sich für mich dann am nächsten Morgen, dass ich mit meiner Meinung, dass uns Hass und Unversöhnlichkeit krank machen können, recht hatte, denn mein Vater bekam in der Nacht so heftige Magenschmerzen, dass er ins Krankenhaus musste. Er schob alles auf den Kuchen, den Sekt und das späte Abendessen, aber ich bin sicher, dass es das nicht war. Schon immer ist sein Magen das Organ gewesen, was am empfindlichsten auf psychische Probleme reagiert hat und so verwundert mich nicht, dass man im Krankenhaus nichts nennenswertes fand.
Ich bin dankbar dafür, dass ich “nur” knapp 40 Jahre gebraucht habe, um denen zu verzeihen, die mich in meiner Vergangenheit verletzt haben. Ich möchte ohne diese quälenden Gefühle alt werden…























Oh Irene, gut das Du in der DW Gruppe Deine Links geschickt hast ….. Das ist ein sehr gutes Thema, welches Du Dir an diesem Tag gewählt hast. Betrift es doch so viele Menschen und doch wissen so viele nicht das es auch sie betrift.
Ich kann nur sagen : ” Ich stimme Dir zu. Du bist schon sehr weit mit Deinen Erkennen und mich freut es um so mehr das Du diese Weisheit und Erkentnis gefunden hast !”
Habe zwar noch nicht viel jetzt in Deinen Blog gelesen, aber es zeigt mir das sehr viel altbekanntes hier austaucht …. ich glaub ich habe ein deschawy … sorry ich weiss nicht genau wie man das schreibt. *lächel* Bei mir ist es übrigens auch der Vater und er will es nicht sehen und schon garnicht vergeben.
Ich spreche Dir ganz viel Mut zu für die nächsten Tage und ganz viel Kraft für das was Du Dir vorgenommen hast.
Alles Liebe
Silvia
….. entschuldige – noch etwas ;o)
” Aus vollem Herzen kann ich sagen – Ich kann verzeihen !”
Schön das es Menschen gibt die dies auch schon können.
…und vergeben.
Anscheinend schreibe ich heute in Etappen. Vielleicht kannst alles in eines zusammenfügen *lach*.
Liebe Grüße
Silvia
liebe irene
habe grade eine kleine geschichte gefunden und auf meinem blog gepostet.da spielt der groll auch eine rolle.
ja groll und diese verstärkten negativgefühle können wirklich krank machen.in meiner familie führte er dazu,dass sich sogar geschwister voneinander distanzierten.ich könnte mir das einfach nicht vorstellen mit den eigenen blutsverwandten.
ich muß zugeben, auch ich hab mich noch nicht ganz befreit von groll.alte wunden sind noch da die langsam aufgearbeitet werden.oder ist es verletzter stolz?
da hab ich mal ein interessantes buch gelesen:”krankheit als SOS der seele”
unser körper nimmt mehr wahr,als wir vermuten..und das ist gut so.
ich hab nun auch geklernt, mehr auf diese signalee zu achten
gut, dass du das thema angesprochen hast!
alles liebe von babsi
Liebe Irene,
einem Menschen zu verzeihen, verlangt gewiss Stärke. Doch mir fällt immer wieder ein ganz anderer Gesichtspunkt des Verzeihens auf.
Schon so manches Mal, wenn mir jemand in übler Weise begegnet war, kam es mir überhaupt nicht in den Sinn, ihm zu verzeihen. Jedenfalls spontan nicht. Eher das Gegenteil erschien mir attraktiv: Revanche.
Doch mit der Revanche ist das so eine Sache. Die feuert man selten sofort und im Affekt aus sich heraus. Eine richtig heftige, wirksame und verletzende Revanche, die gärt längere Zeit in dem, der sie verschießt. Und genau diese Zeit des Gärens ist eine, die an einem selbst frisst. Sie tut dem, der sich revanchieren will nicht gut.
Wenn ich es hingegen schaffe, ein mieses Verhalten zu verzeihen, dann fällt eine Last von mir. Ich fühle mich befreit, stark, gut. Und zwar so richtig. Ich glaube, das geht jedem Menschen so.
Schwierig ist es manchmal jedoch, die Kurve vom heimzahlenden zum verzeihenden Verhalten zu kriegen. Doch es gibt eine Methode, mit der es mir leichter fällt. Entschieden leichter sogar:
Wenn mir jemand besonders übel mitgespielt hat, bin ich im allerersten Moment geradezu schockiert, fühle mich verletzt. Doch dann gelingt es mir häufig, den inneren Hebel umzulegen. Ich schaue genauer hin zu dem Verursacher meines miesen Gefühls, versuche zu hinterfragen, herauszukriegen, was ihn dazu getrieben hat, sich mir gegenüber so schlichtweg bescheuert zu verhalten. Mich interessiert dies, weil ich mir sage, dass Menschen grundsätzlich keinen Spaß daran haben, andere schlecht zu behandeln. Wer’s tut, weiß, dass ihm selbst womöglich Übles blüht und dass er alles andere als jene Wertschätzung erfährt, nach der jeder sucht.
Meistens muss ich nicht lange hinterfragen. Oft, wenn ich genauer hinsehe, wird mir zum Beispiel klar, unter welchen Bedingungen jemand als Kind aufgewachsen ist, was ihn geprägt hat, in welchem familiären Konkurrenzkampf er sich befunden hat, wie er den Neid Anderer aushalten musste, wie ungerecht er behandelt worden ist, welcher Druck auf ihn ausgeübt worden ist und so weiter und so weiter.
Wenn ich meinen Blick darauf werfe, finde ich das, was mir angetan worden ist, noch lange nicht gut, aber so manches Mal kommt mir eine Ahnung in den Sinn: “Verdammt, wenn mich geprägt hätte, was ihn geprägt hat, wäre ich (vielleicht) ein noch größerer Stinkstiefel geworden.”
Und mit dieser Einsicht verlangt Verzeihung keine mordsmäßige Stärke mehr. Mit dieser Einsicht kann Verzeihen zum Bedürfnis werden.
Liebe Grüße,
Andreas